
Folgendes schrieb der Autor Thorsten
Droste über den Karneval in Venedig 1987 in seinem Buch
"Venedig - die Stadt in der Lagune" auf der Seite 40:
"Für eine Stadt, die seit ihrer Geburtsstunde im und durch den Austausch mit Fremden
lebte, ist der Tourismus keine Neuerscheinung.
Schon früh lernten die Venezianer damit zu leben, dass auch andere die Liebe zu ihrer Stadt teilten.
Unter der Lawine jedoch, die der moderne Massentourismus losgetreten hat, droht die Stadt allmählich zu ersticken.
Anlässlich des Karnevals 1987 strömten an einem einzigen Wochenende rund 700.000 Besucher nach Venedig.
Die Menschenmassen verstopften den gesamten Innenstadtbereich, brachten den Verkehr der Linienschiffe praktisch zum Erliegen, drückten Schaufenster ein und hinterließen Berge von
Abfall.
Die im Stadtrat entbrannte Diskussion, wie man des Übels Herr werden solle, gipfelte in der Forderung nach Abschaffung des Karnevals.
Aber das Interesse am Kommerz behielt Oberhand. Die weise Entscheidung des Magistrats:
abwarten und nichts unternehmen!"
Logisch, dass ICH ausgerechnet in diesem Chaos landen musste!
Eine Bekannte hatte mich darauf hingewiesen, dass eine Freundin aus Worpswede Leute suchte, die
mit ihr zusammen in einem privat gemieteten Reisebus gemütlich zum Karneval in Venedig fahren wollten. Sie hatte einen Deutschen Lebensgefährten dabei, der lange in Venedig gelebt hatte,
sich aber letztendlich als nicht sehr interessiert an uns erwies.
Da ich mich gerade enttäuscht von einer unnötigen männlichen Erfahrung getrennt hatte, nicht im Selbstmitleid versinken wollte, entschloss ich mich sofort, dort mitzutun.
Ich hatte Fünfmarkscheine gesammelt und damit war die Reise-Finanzierung gesichert, als ich
mein Schwein (nicht den Kerl) geschlachtet hatte.
So fuhren wir nachts von Worpswede mit einer bunt gemischten Gesellschaft von 20 Personen los - von 30 bis über 70 Jahre war alles vertreten.
Dementsprechend waren auch die Erwartungen sehr unterschiedlich; einige wollten in Ruhe ihren Joint rauchen und Spaß haben, andere hatten sich voll auf "Kultur" eingestellt. Es lief also nicht
ganz stressfrei ab, aber unser junger Busfahrer hatte zum Glück die Ruhe weg, und so ging es erst einmal nach München, wo wir in aller Herrgottsfrühe auf dem Viktualienmarkt 'ne frische Weißwurst
zum Frühstück aßen.
Weiter ging es gemütlich über Bolzano/Bozen Richtung Venezia. Bevor wir aber in den Karneval
eintauchen konnten, landeten wir erst einmal gegenüber der Lagunenstadt im "holiday center VALDOR" (sehr preiswert), einer Urlaubsanlage mit Hotel, Bungalows und Zeltplatz am Strand des
kleinen Ortes Treporti - wir waren fast die einzigen Gäste dort.
Wir hatten Mehrbettzimmer im Hotel gemietet, denn schlafen wollten wir sowieso nur im Fall der totalen Erschöpfung.
Von Treporti fuhren regelmäßig Linienschiffe nach Venedig, und so fuhr unsere bunte Truppe - die meisten hatten den Theaterfundus in Bremen für diese Gelegenheit geplündert - Richtung
Karneval.
Wir hatten in den vier Tagen Ende Februar, die wir dort verbrachten, jede Menge Wetter. Dadurch erlebten wir die Stadt in unglaublich unterschiedlicher, immer wieder überraschender
"Stimmung".
Einem Tag Schnee folgte ein Tag Nebel und Hochwasser, welches den Markusplatz leicht flutete, und dann wieder ein Tag so strahlender Sonnenschein, dass wir tagsüber am Strand in Treporti blieben,
uns nachmittags den Karneval dort anschauten und erst am Abend nach Venedig übersetzten.
Dadurch blieben wir bis zum letzten Schiff zum Festland in der Lagunenstadt, was sich als ganz großer Fehler erwies. Aber darauf komme ich später zurück.
Da mir mein Wohlgefühl immer schon wichtiger war, als zu frieren, hatte ich außer meinem dicken
"unkaputtbaren" Wolf-Webpelzmantel (in dem ich auch im Bus gut schlafen konnte!) nur eine Katzen-Maske aus Federn dabei. Dazu hatte ich mir um den Mund herum noch mittels Pünktchen und langen
aufgemalten Barthaaren ein Katzengesicht geschminkt.
Zunächst einmal ging es am Vormittag zum Markusplatz, der mit riesigen Hängekronleuchtern
geschmückt war, überall wurden wir mit Musik des "Rondo Veneziano" beschallt.
Es war schon reichlich Betrieb auf dem Platz, Touristen aus aller Welt, aber vor allem reizten
uns die kunstvollen Geschöpfe mit Masken.
Wie wir später in Gesprächen erfuhren, wurden sie teils von der Tourismus-Zentrale bezahlt und stellten sich jedes Jahr zur Schau.
Zum großen Teil aber reisten sie aus allen Teilen der Welt an. Viele "Künstler" hatten das ganze Jahr an ihren Kostümen gearbeitet und es waren wirklich sehr edle Kunstwerke entstanden, die
sich einen regelrechten Wettstreit um das schönste Kostüm lieferten.
Wieder Erwarten wurde auch ich - hauptsächlich von Asiaten, aber auch von Italienern -
fotografiert und musste mit meinem Katzengesicht posieren.
Da es auch in anderen Teilen Venedigs noch genug Masken zu bestaunen gab, ich noch nie in dieser Stadt war, beschloss ich mit einer Begleiterin zusammen, Venedig auf meine Art zu
erkunden.
Ich hatte mir einen alternativen Stadtführer der neuesten Ausgabe besorgt. Das mache ich bei
allen Städten so und es hat sich schon deshalb gelohnt, weil ich immer gute und günstige Gelegenheiten für Essen und Trinken fand, aber auch so manches unbeachtete Kleinod fernab der
touristischen Trampelpfade.
So gingen wir in Venedig ins Palazzo Grassi, einen wunderschön renovierten Palast, in dem gerade die appetitlichen Obst- und Gemüsebilder des legendären Malers Arcim Boldo
ausgestellt waren.
Wir besichtigten eine Werkstatt, in der das typisch venezianisches Papier mit Wasserfarben
gestaltet wurde, schauten bei den Maskenherstellern rein und auch ein Gondelbauer war vor uns nicht sicher.
Natürlich muss man in Venedig immer wieder auf einen Cappuccino mit echter Milchschaumkrönung - (nicht die typisch deutsche Sahneversion) einkehren, weil das fast die einzige Möglichkeit
ist, aufs Töpfchen zu gehen.
Ich weiß nicht, ob sich das zwischenzeitlich geändert hat, aber damals stank es trotz Kälte an jeder Ecke und in jedem Winkel wie Urinal - so habe ich das nur noch im Sommer in Paris erlebt.
Es gab/gibt? übrigens nahe dem Markusplatz ein öffentliches "Badehaus", in dem sich nicht nur die Klos befinden, sondern auch Badzimmer und Duschräume zu mieten sind, und man seine Taschen zur Aufbewahrung abgeben
konnte.
Da das sehr schlecht ausgeschildert war und nur in Italienisch, fanden es aber
nur wenig Menschen.
Meinem Alternativ-Führer hatte ich entnommen, dass man sein Käffchen im Stehen trinkt, da man einen gewaltigen Aufpreis berechnet bekam, wagte man es, sich auf
einen Stuhl zu setzen.
So fanden wir glücklicherweise auf unserem Weg zur Rialto-Brücke ein Café mit kostenlosen
Klappsitzen an der Wand in einer winzigen Gasse, kurz bevor sich vor der Tür eine Katastrophe anbahnte.
Aber davon erzähle ich morgen mehr!
Bis dahin eine wundervolle Fotoserie von 1998.
Mehr davon finden Sie auf dieser Website
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