Horrormeldung in den Nachrichten:
"Im Jahr 2050 ist ein Drittel unserer Bevölkerung älter als 60 Jahre. Im gleichen Zeitraum
reduziert sich die Bevölkerung um knapp 10 Millionen."
HILFE! WIR STERBEN AUS! Oder doch nicht?
Der Historiker Thomas Etzemüller, Juniorprofessor für Zeitgeschichte in Oldenburg, macht deutlich, wie alt das Horrorszenario eigentlich ist:
aufgrund der höheren Lebenserwartung weitet sich die Spitze der Bevölkerungspyramide aus.
Etzemüller kritisiert, dass der demographische Diskurs "eine Wissenschaft der Angst" sei, in
der die Apokalypse der Welt gepredigt werde, ohne jemals wahr geworden zu sein.
Nach Prognosen aus dem Jahre 1919 hätte die Bevölkerung schon im Jahre 1975 überaltert sein müssen. Großstädte wie Berlin, so hieß es damals, seien buchstäblich vom Aussterben
bedroht.
Etzemüller macht deutlich, dass das Bild vom Bevölkerungsaufbau als Pyramide jedoch keine
natürliche Begebenheit ist, sie werde nur immer wieder als Idealzustand von den Bevölkerungswissenschaftlern dargestellt. In Wirklichkeit ist nach Auffassung von Etzemüller die Pyramide aber eine
Ausnahmeform des 19. Jahrhunderts, als die Kindersterblichkeit rapide gesunken war. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich der Bevölkerungsaufbau jedoch immer wieder gewandelt.
Schon früher hat es berühmte Fehleinschätzungen gegeben. Adenauers "Kinder kriegen die Leute immer" oder Blüms "Die Rente ist sicher" gehören dazu.
Auch heutige Parolen wie "Die Deutschen sterben aus" oder "Rente gibt es bald nicht mehr"
greifen zu kurz. Professor Bomsdorf, Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der Universität Köln: "Jede Elterngeneration reproduziert sich zu zwei Dritteln. Es wird weniger Menschen in
Deutschland geben, aber die Deutschen sterben nicht aus."
Die Prognose der Angst; Kinder, die heute nicht geboren werden, fehlen morgen als Arbeitskräfte. Und wer soll dann all die Menschen versorgen, die spätestens ab 2030 scharenweise in Rente
gehen werden?
Professor Gerd Bosbach, Wirtschafts- und Sozialstatistiker an der Fachhochschule Remagen widerspricht: "Die Meldung ist eine glatte Lüge. Erstens haben allein zehn europäische Länder eine
niedrigere Geburtenrate als Deutschland, und zweitens ist diese Zahl bei weitem nicht neu. Bereits seit 1970 stagniert die Geburtenrate in Deutschland." Die Berechnung der zukünftigen
Belastungen hält er zudem für falsch oder zumindest ungenau: "Dabei wird häufig übersehen, dass nicht nur Alte sondern auch Arbeitslose und Kinder versorgt werden müssen. Wenn es zukünftig aber
weniger Kinder und weniger Arbeitslose gibt, ist die Belastung durch mehr Rentner nur noch halb so dramatisch."
"Wenn die Renten- und Gesundheitskassen zukünftig leer sein werden, dann nicht deshalb, weil wir zu wenig Kinder haben, sondern weil die, die wir haben, nicht gut genug ausgebildet sind und dann
keine Arbeit finden."
Und genau darum geht es; die Demografen können zwar die Daten auswerten, die sie haben, doch damit sind längst nicht alle Aspekte abgedeckt, Hellsehen können sie nicht, die Bildungspolitik
beeinflussen auch nicht.
Nehmen wir einmal die Tatsache, dass heute bereits viele Kinder übergewichtig sind, unsere Essgewohnheiten und die Art unserer Ernährung sich innerhalb der letzten 30 Jahre enorm gewandelt haben
und weiter im Wandel sind, ist völlig unklar, wie viele der heute 20-jährigen überhaupt das Rentenalter erreichen?
Genauso gut kann es aber sein, dass sich der Trend zum gesünderen Leben und zu mehr Bewegung durchsetzt.
Die Folge kommentiert Professor Bomsdorf so: " Wenn die Menschen länger leben, länger arbeiten
und auch mehr Frauen ins Erwerbsleben einsteigen, droht weder ein Arbeitskräftemangel noch ein Kollabieren der sozialen Sicherungssysteme. "Wenn es ein Drittel zu wenig Kinder gibt, um die
gesetzliche Rente zu finanzieren, muss eben ein Drittel der Altersvorsorge privat oder betrieblich finanziert werden."
Geld uneffizient an potenzielle Eltern zu verteilen in der Hoffnung, das wirkt erotisierend
genug, die Geburtenzahl in die Höhe zu treiben, anstatt erst einmal in Bildung und Ausbildung bereits existierender Kinder zu investieren, löst bestehende und kommende Probleme sicher nicht.
Unter dem Gesichtspunkt, dass auch unser gesamtes Rentensystem nur auf wackeligen statistischen Erhebungen basiert, war und ist es meines Erachtens unseriös, überhaupt Renten über einen längeren
Zeitraum zu garantieren.
Verwendete Quellen: ARD und WDR

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